Fachbegriff

Vergesellschaftung

Vergesellschaftung bezeichnet das schrittweise Zusammenführen eines neuen Wellensittichs mit dem bestehenden Schwarm oder Einzelvogel. Sie ist ein heikler Prozess, weil Wellensittiche zwar ausgesprochene Schwarmvögel sind, neue Tiere aber zunächst als Eindringlinge wahrnehmen können. Eine zu schnelle Zusammenführung führt zu Stress, Aggression, Federrupfen oder im schlimmsten Fall zu Krankheitsübertragung. Die gesamte Vergesellschaftung dauert in der Regel 4 bis 8 Wochen und sollte niemals abgekürzt werden.

Bedeutung für die Haltung

Wellensittiche dürfen niemals in Einzelhaltung leben — diese ist tierschutzwidrig und nach gängiger Auffassung in Deutschland verboten. Wer einen Einzelvogel hat, muss ihm einen Partner beigesellen, ebenso wenn ein Vogel verstirbt. Eine sorgfältige Vergesellschaftung schützt vor körperlichen Verletzungen, psychischem Stress und vor allem vor der Verschleppung von Krankheiten wie Megabakteriose, PBFD oder Polyomavirus, die einen ganzen Schwarm auslöschen können.

Verlauf einer fachgerechten Vergesellschaftung

  • Phase 1 — Quarantäne (3 bis 6 Wochen): Neuer Vogel in separatem Raum, eigenes Käfigzubehör, getrennte Lüftung, keinerlei Sichtkontakt. Kotuntersuchung beim Vogeltierarzt, Untersuchung auf Megabakterien, PBFD und Polyoma. Hände nach jedem Kontakt waschen, eigene Kleidung wechseln.
  • Phase 2 — Sichtkontakt (1 bis 2 Wochen): Käfige im Abstand von 1 bis 2 Metern im selben Raum, jeder Vogel im eigenen Käfig. Vögel können sich sehen und hören, aber nicht berühren. Reaktionen beobachten: Interesse ist gut, Panik nicht.
  • Phase 3 — Käfignachbarschaft (3 bis 7 Tage): Käfige direkt nebeneinanderstellen, Vögel können durch das Gitter kommunizieren und sich gegenseitig vorsichtig berühren. Gegenseitiges Füttern durch das Gitter ist ein sehr gutes Zeichen.
  • Phase 4 — Freiflug gemeinsam: Zuerst auf neutralem Boden außerhalb beider Käfige treffen. Mehrere Sitzstangen, Futter- und Wassernäpfe an verschiedenen Stellen anbieten, damit kein Tier Revierverhalten zeigt.
  • Phase 5 — Gemeinsame Unterbringung: Erst wenn keine Aggression auftritt, in den größeren Käfig oder Voliere setzen. Käfig vorher gründlich reinigen, Einrichtung neu anordnen, damit kein Vogel alte Revieransprüche stellen kann.

Funktion der einzelnen Schritte

Die Quarantäne ist medizinisch nicht verhandelbar. Megabakterien können wochenlang symptomlos schlummern und dann den ganzen Schwarm infizieren. Eine Kotuntersuchung beim vogelkundigen Tierarzt kostet etwa 30 bis 60 Euro und ist die einzige verlässliche Methode. PBFD- und Polyoma-Tests sind über Blut- oder Federproben möglich und besonders bei Importtieren, Zoohandlungstieren oder Tieren unbekannter Herkunft empfehlenswert. Auch klinisch unauffällige Vögel können Träger sein und Krankheiten einschleppen.

Praxis-Tipps

  • Niemals zwei Hähne mit einer Henne zusammensetzen — führt fast immer zu Aggressionen zwischen den Hähnen
  • Bei Paarbildung möglichst zwei Hennen und zwei Hähne nehmen, das stabilisiert die Gruppe deutlich
  • Neuvogel sollte etwa gleich alt sein wie der Bestand — ältere Vögel dominieren Jungtiere stark und können sie verletzen
  • Beim Einzug in der ersten gemeinsamen Stunden anwesend sein, ohne unmittelbar einzugreifen
  • Bei massiver Aggression mit Blut oder Federverlust sofort trennen und Schritte zurückgehen
  • Genügend Sitzstangen anbieten — Faustregel: pro Vogel mindestens zwei freie Stangen plus eine Reserve
  • Futter- und Wasserstellen verdoppeln, damit Rangniedere nicht ausgehungert oder vom Trinken abgehalten werden
  • Während Phase 2 und 3 möglichst keine weiteren Veränderungen vornehmen (kein Umzug, kein neues Spielzeug, kein neuer Standort)

Was Halterinnen tun können

Geduld ist die wichtigste Voraussetzung. Wer die Vergesellschaftung übers Knie bricht, riskiert nicht nur Verletzungen, sondern auch dauerhafte Spannungen im Schwarm, die monatelang nachwirken. Bei Misserfolg lohnt es sich, einzelne Phasen zu wiederholen oder einen erfahrenen Halter, eine Vogelschutzwarte oder eine Auffangstation um Rat zu fragen. Wer einmal eine saubere Vergesellschaftung erlebt hat, weiß, warum sich der Aufwand lohnt.

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