Fachbegriff

Knochenmark

Das Knochenmark ist beim Wellensittich anders organisiert als beim Säugetier. Viele der größeren Knochen sind hohl (pneumatisiert) und stehen mit dem Atemsystem in Verbindung, während die Blutbildung in spezialisierten Markräumen kleinerer Knochen stattfindet. Diese Bauweise spart Gewicht und ermöglicht den effizienten Flug eines nur 30 bis 40 Gramm leichten Vogels.

Bedeutung für die Haltung

Für Halterinnen ist relevant, dass pneumatisierte Knochen direkt an die Atemwege angeschlossen sind. Ein Knochenbruch am Flügel oder Oberschenkel kann deshalb nicht nur orthopädisch problematisch sein, sondern auch eine Eintrittspforte für Keime in das Atemsystem darstellen. Eine Bruchverletzung ist beim Wellensittich daher immer ein Fall für eine vogelkundige Praxis und nie nur eine Frage von Ruhe und Schienung. Auch Stürze aus geringer Höhe können bei einem nur 35 Gramm leichten Vogel zu Frakturen führen, weil die Wandstärke der pneumatisierten Knochen im Verhältnis zur Belastung sehr dünn ist.

Funktion

Im roten Knochenmark der Henne entstehen rote Blutkörperchen, Thrombozyten und ein Teil der weißen Blutkörperchen. Während der Eiablage zieht die Henne zudem Kalzium aus einem speziellen Reservoir, dem medullären Knochen, das sich kurzfristig in den Markhöhlen aufbaut. Das erklärt, warum legende Hennen einen deutlich höheren Bedarf an Kalzium und Vitamin D3 haben als nicht brütende Vögel. Männchen besitzen diesen medullären Knochen nicht. Ein Röntgenbild einer brütenden Henne zeigt deshalb deutlich hellere Knochenkerne als das eines Hahns gleichen Alters — ein Phänomen, das vogelkundige Praxen für die Diagnostik nutzen.

Die pneumatisierten Knochen Humerus, Femur, Sternum und Teile der Wirbelsäule sind innen mit dünnen Knochenbälkchen durchzogen und mit Ausläufern der Luftsäcke verbunden. Sie tragen aktiv zur Atmung bei und werden bei jedem Atemzug mitbelüftet. Die nicht-pneumatisierten Knochen wie Tibiotarsus und Beckenknochen enthalten dagegen das eigentliche blutbildende Mark und sind für die Hämatopoese verantwortlich.

Praxis-Tipps

  • Wellensittiche niemals an Flügel oder Beinen festhalten — Bruchgefahr ist real, besonders bei jungen Vögeln und in der Mauser, wenn die Knochen noch nicht voll ausgehärtet sind.
  • Käfigeinrichtung so wählen, dass Stürze aus mehr als 50 cm Höhe vermieden werden, vor allem bei flugunfähigen oder geschwächten Tieren.
  • Hennen in der Brutphase brauchen täglich Sepiaschale oder Mineralstein, sonst kommt es zur Entkalkung und im Extremfall zur Legenot mit weichen Eischalen.
  • Bei sichtbaren Schwellungen, hängendem Flügel oder Schonhaltung eines Beines binnen 24 Stunden zur vogelkundigen Tierärztin.
  • Nach einer Operation oder Verletzung tropisches Raumklima (22 bis 26 Grad) anbieten, um die Heilung zu unterstützen.
  • Beim Einfangen einen leichten Stoff oder ein Handtuch verwenden — das Greifen am nackten Körper drückt schnell auf den Brustkorb und kann Rippen anbrechen.

Wann zum Tierarzt?

Ein hängender Flügel, ein nachgezogenes Bein, sichtbare Verformungen, blutige Sekrete an Federansätzen oder eine plötzliche Atemnot nach einem Sturz sind Notfallzeichen. Da pneumatisierte Knochen mit der Lunge verbunden sind, kann eine Fraktur zu einem subkutanen Luftpolster (Emphysem) führen, das nach außen wie eine Blase wirkt. Solche Tiere müssen umgehend, idealerweise innerhalb weniger Stunden, in einer vogelkundigen Praxis vorgestellt werden. Schmerzmittel aus der Hausapotheke sind tabu — viele für den Menschen harmlose Wirkstoffe sind für Wellensittiche bereits in kleinsten Dosen tödlich.

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