Imprinting
Imprinting, im Deutschen meist als Fehlprägung oder Handaufzucht-Prägung bezeichnet, beschreibt die irreversible Verbindung eines Jungvogels mit einer artfremden Bezugsperson, in der Regel dem Menschen. Sie entsteht, wenn Küken in den ersten Lebenswochen nicht von ihren Eltern oder Artgenossen aufgezogen werden, sondern von Hand gefüttert werden und keinen Kontakt zu anderen Wellensittichen haben.
Bedeutung für die Haltung
Konrad Lorenz beschrieb die Prägung erstmals an Graugänsen und legte damit die Grundlagen der vergleichenden Verhaltensforschung. Bei Wellensittichen wirkt sie ähnlich. Die sensible Phase liegt zwischen dem zehnten und dreißigsten Lebenstag. Was der Jungvogel in dieser Zeit als Sozialpartner, Futterquelle und Sicherheitsfigur erlebt, prägt sein gesamtes späteres Sozialverhalten. Ein fehlgeprägter Wellensittich erkennt Artgenossen nicht mehr als seinesgleichen. Er sucht den Menschen als Partner, lässt sich nur schwer vergesellschaften, zeigt häufig Balzverhalten gegenüber Spiegeln, Plüschtieren oder Personen und entwickelt nicht selten hormonelle Imbalanzen wie Dauerbrut bei Hennen oder zwanghaftes Futterspucken bei Hähnen.
Häufige Ursachen
Die häufigste Ursache ist die kommerzielle Handaufzucht durch Tierzubehörhändler, die jung verkaufte, vermeintlich besonders zahme Vögel anbietet. Solche Tiere wirken vertraut und sprechen vielleicht früher Worte nach, sie sind aber sozial geschädigt. Auch der Verlust der Elterntiere durch Tod oder Brutverlassen erzwingt eine Handaufzucht, die jedoch von erfahrenen Züchtern zumindest mit gleichzeitiger Anwesenheit anderer Wellensittiche kombiniert wird, um die Fehlprägung zu mindern. Eine vermeintlich gut gemeinte Einzelhaltung eines fehlgeprägten Vogels verschärft das Problem zusätzlich. Wellensittiche sind Schwarmvögel und brauchen Artgenossen, unabhängig davon, wie viel Zeit der Halter mit ihnen verbringt.
Was Halterinnen tun können
- Beim Kauf ausdrücklich nach naturbrütigen, von Elterntieren aufgezogenen Jungvögeln fragen und die Aufzuchtbedingungen besichtigen
- Handaufzuchten meiden, auch wenn sie zutraulicher wirken und vom Verkäufer angepriesen werden
- Einen bereits fehlgeprägten Vogel niemals einzeln halten, sondern mit verträglichen Artgenossen vergesellschaften
- Geduld haben: die Vergesellschaftung kann mehrere Wochen oder Monate dauern, da der Vogel sein Sozialverhalten erst lernen muss
- Spiegel und Plastikpartner konsequent entfernen, sie verstärken die Fehlprägung und führen zu zwanghaftem Verhalten
- Bei aggressivem Verhalten gegenüber Artgenossen einen vogelkundigen Verhaltensberater hinzuziehen
- Hormonell auffällige Tiere wie dauerlegende Hennen oder zwanghaft Futter spuckende Hähne tierärztlich begleiten lassen
- Auch nach erfolgreicher Vergesellschaftung die menschliche Bindung in Maßen halten und den Vogel nicht permanent fordern
Aus tierethischer Sicht gilt die gezielte Handaufzucht von Wellensittichen als problematisch und wird von führenden Tierschutzorganisationen und Wellensittichvereinen abgelehnt. Sie schafft Tiere mit einem dauerhaft gestörten Sozialgefüge, deren Bedürfnisse vom Halter meist nicht erfüllt werden können. Auch das Argument, ein handaufgezogener Vogel sei besser zu sprechen abzurichten, hält wissenschaftlicher Prüfung nicht stand. Sprechen lernen Wellensittiche unabhängig von der Aufzuchtart, allerdings ist es nicht artgerecht, einen Sozialvogel auf menschliche Sprache zu konditionieren, wenn er gleichzeitig keinen Artgenossen hat. Verantwortungsvolle Halter erwerben naturbrütige Tiere aus stabilen Zuchten oder geben einem fehlgeprägten Vogel aus zweiter Hand ein neues, schwarmgerechtes Zuhause. Auch in Tierschutzauffangstationen warten häufig fehlgeprägte Vögel auf eine neue Bezugsumgebung. Ein gut sozialisierter Schwarm wirkt sich auf einen fehlgeprägten Neuzugang oft therapeutisch aus, da der Vogel das natürliche Sozialverhalten von den Artgenossen abschaut. Geduld und die Bereitschaft, eigene Erwartungen zurückzustellen, sind die wichtigsten Werkzeuge für eine erfolgreiche Resozialisierung.