Fachbegriff

Freiflug

Als Freiflug bezeichnet man das tägliche, freie Fliegen außerhalb des Käfigs oder der Voliere. Er ist ein zentraler Bestandteil artgerechter Wellensittichhaltung und nicht verhandelbar. Auch das größte Gehege ersetzt nicht die Möglichkeit, längere Strecken zu fliegen, zu manövrieren, scharfe Wendungen zu üben und die Flugmuskulatur zu trainieren.

Bedeutung für die Haltung

Wellensittiche legen in der australischen Heimat täglich viele Kilometer auf der Suche nach Wasser und Futter zurück. Schwarmflüge über mehrere Stunden sind die Regel. In Gefangenschaft schrumpft dieser Bewegungsradius drastisch. Ohne Freiflug entstehen Bewegungsmangel, Verfettung der Leber, Muskelschwund, Verhaltensstörungen wie Federpicken oder Stereotypien sowie Gelenkprobleme. Mindestens eine Stunde freies Fliegen pro Tag gilt als untere Grenze, besser sind zwei bis vier Stunden, idealerweise verteilt über den Tag. Der Tierschutz-Bundesverband und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft empfehlen für Schwarmvögel ausdrücklich täglichen Freiflug als Voraussetzung für artgerechte Haltung.

Praxis-Tipps

  • Fenster und Türen schließen, Fliegengitter oder Insektennetze vor jedem Freiflug prüfen
  • Vorhänge zuziehen oder Spiegel und große Glasflächen mit Aufklebern markieren, sonst fliegen Vögel dagegen und verletzen sich
  • Giftpflanzen wie Dieffenbachie, Efeu, Weihnachtsstern, Yucca und Lilien aus dem Raum entfernen
  • Töpfe, Vasen, offene Wasserbehälter und Kerzen beseitigen, da Vögel ertrinken oder verbrennen können
  • Steckdosen abdecken, Kabel sichern, da Wellensittiche gerne knabbern
  • Andere Tiere wie Hund, Katze und Frettchen aus dem Raum verbannen
  • Bügeleisen, Backofen, heiße Pfanne und Ventilatoren ausschalten
  • Türgriffe und Spalten zwischen Möbeln prüfen, da Vögel sich verkriechen
  • Beschichtetes Kochgeschirr aus PTFE niemals erhitzen, während Vögel im Haus sind, die Dämpfe sind binnen Minuten tödlich
  • Fußboden vorher staubsaugen, damit Krümel, Haare und Schmutz nicht aufgenommen werden
  • Räucherstäbchen, Duftkerzen, Aerosolsprays und Zigarettenrauch konsequent meiden, da Atemwege empfindlich reagieren

Was Halterinnen tun können

Ein Freiflugzimmer sollte gut beleuchtet sein, mehrere Landeplätze in unterschiedlicher Höhe bieten und vom Wohnraum durch eine Tür abgrenzbar sein. Bewährte Landeplätze sind Naturzweige aus Apfel, Birke, Hasel oder Weide, an der Decke aufgehängte Kletterzweige sowie freie Stellen auf Schränken. Ein zweiter Käfig oder eine offene Sitzgelegenheit mit Wasser und Futter erleichtert die Rückkehr ins Heimgehege. Wer den Käfig nach dem Freiflug einfach offen lässt, gewöhnt die Vögel daran, selbständig zurückzukehren. Erzwungenes Einfangen mit den Händen oder einem Tuch zerstört Vertrauen und sollte nur im Notfall eingesetzt werden. Junge Vögel müssen den Freiflug erst lernen. Sie unternehmen kurze Probeflüge und brauchen einige Tage, um die Raumstruktur zu erfassen. Anfänglich kollidieren sie mit Wänden oder Möbeln und sollten dabei beobachtet werden. Ältere oder lange in kleinen Käfigen gehaltene Tiere wirken zunächst flugunsicher, gewinnen aber innerhalb von zwei bis vier Wochen Muskelkraft und Geschicklichkeit zurück. Eine Voliere ersetzt keinen Freiflug, ergänzt ihn aber sinnvoll. Wer keinen geeigneten Raum hat, sollte überlegen, ob die Haltung von Wellensittichen überhaupt artgerecht möglich ist. Auch das tägliche Timing spielt eine Rolle: morgens und am späten Nachmittag sind Wellensittiche am aktivsten und nutzen den Freiflug intensiver als am Mittag. Eine feste Routine hilft den Vögeln, sich auf die Ausflüge einzustellen und reduziert Stress. Bei Fortbildungsbedarf bietet die Deutsche Tierärztliche Gesellschaft für Zier- und Wildvögel ZGW Hinweise zur sicheren Gestaltung des Freiflugzimmers.

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